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Nachtgedanken

„Denk ich an Deutschland in der Nacht, / Dann bin ich um den Schlaf gebracht“

Heinrich Heine, Zeitgedichte, 1844

In Reinickendorf brennt eine Turnhalle. 200 Meter neben einem Flüchtlingsheim. Die Einwohner dieses Flüchtlingsheims mussten evakuiert werden. Und ich denke nur noch alle Kraftausdrücke, die ich zu meinem Wortschatz zähle …

Ich bin wütend auf die Polizei in Freital und in Heidenau, die den Mob allzu lang gewähren ließ. Ich bin wütend auf unsere Politiker, die den Initiativen gegen Rechts aus ideologischen Gründen ihre Unterstützung entzogen haben. Ich bin wütend auf die Menschen im Osten Deutschlands, die sich von den simplen Parolen der rechten Rattenfänger einfangen lassen und an Menschen, die Schutz suchen, wie sie einst selbst Schutz suchten, ihren Frust darüber abreagieren, dass sich mehr als zwanzig Jahre Deutschland einen Dreck darum scherte, dass die Landschaften um ihre Gemeinden anders als versprochen nicht aufblühten.

Das Händeschütteln von Merkel, Gauck & Co. kommt zu spät. Es ist verlogene Schadensbegrenzung, nachdem sie geschwiegen haben zu dem rechten Terror, der sich in Deutschland wie eine Lauffeuer ausbreitet. Nachdem sie jene, die Hilfe organisierten, ignorierten, ihre Hilfe für die Flüchtlinge nicht unterstützten und mit Ideen von speziellen Lagern für Flüchtlinge, aus denen schneller abgeschoben werden könne, selbst geist brandschatzten.

Klänge es nicht so pathetisch, würde ich ihnen zurufen: „Schämt euch!“ Klänge es nicht so nationalistisch, würde ich ihnen zurufen: „Ihr seid eine Schande für Deutschland!“ eine Schande, weil ihr Plattitüden von guten und schlechten Flüchtlingen bemüht, um am rechten Rand Stimmen zu fischen. Eine Schande, weil ihr verschweigt, dass unser Handeln Ursache des Problems ist. Eine Schande, weil ihr nicht agiert, sondern nur reagiert.

Ein Flüchtling ist ein Flüchtling, ist ein Flüchtling, ist ein Flüchtling. Egal aus welchem Grund er seine Heimat verlässt. Seine Freunde, seine Familie, seine Heimat. Er hat einen Grund. Und dieser Grund ist existentiell. Er ist lebensbedrohlich. Es macht keinen Unterschied, ob Bomben eines Krieges dein Leben bedrohen oder Hunger und Durst. Der Reichtum unserer Gesellschaft erzeugt irgendwo in der Welt Armut. Unser paktieren mit Diktatoren, erzeugt irgendwo in der Welt Verfolgung.

Unsere viel gepriesene Leitkultur ist ein Mischmasch aus Einflüssen aus Kulturen. Unsere viel gepriesene Leitkultur würde nicht gepriesen, wenn nicht einst Fremde eingewandert wären und Spuren hinterlassen hätten. Überfremdung gibt es nicht. Es gibt nur Bereicherung. Keine Buletten ohne die Hugenotten, keinen Kaffee ohne die Türken, kein Smartphone, keine Banken und keine moderne Medizin ohne die Araber. Keine Spaghetti ohne die Chinesen. Die Europäische Kultur wäre nicht denkbar ohne Zuwanderung und Austausch mit den Kulturen Afrikas und Asiens. Wie kommen wir also heute darauf eine Grenze zu ziehen zwischen Hier und Dort? Wie kommen wir heute darauf, die Flüchtlinge als kulturfremd zu beschreiben? Die Antwort darauf kann nur sein: „Dummheit“.

Ich selbst mache in einem anderen Land gerade eine seltsame Erfahrung. Ich bin hierhergezogen, weil mir in diesem Land beruflich andere Türen offen standen als in Berlin. Ich bin ausgewandert. Aber ich bin hier kein Wirtschaftsflüchtling, sondern ein Expat. Warum? Nun, ich bin Deutsche. Und ich bin weiß. Ja, das ist Rassismus. Gelebter in Europa. Denn dasselbe Phänomen erleben wir in Berlin. Solange du aus Nordamerika, Skandinavien, UK oder Frankreich kommst, bist du ein Expat. Kommst du aus Griechenland, Italien oder Spanien mögen wir dich gerade so noch, weil das ja die EU ist aber … sobald du vom Balkan kommst oder aus Afrika oder Asien bist du ein Flüchtling, Asylant. Einer, den wir wahrnehmen als jemanden, der zu Unrecht partizipieren will an unserem Reichtum. Und das geht so irgendwie gar nicht, weil du nur fliehst, um an dem Reichtum teilzuhaben, den wir aus deiner Heimat herauspressen.

Wo heute Häuser brennen, brennen morgen Menschen.

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