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Klönsnack | Sie hieß Mary Ann …

Ich bin mit einem Shanty aufgewachsen, der mir erzählte, dass sie, Mary Ann, sein Schiff war und ihn nicht losließ …

Jedes Mal, wenn ich ihn hörte, meist sonntags in der Sendung „Klock acht-achtern Strom“ aus dem Warnemünder Teepott auf DDR 1, hielt ich einen Moment vor dem Fernseher inne oder schaute von meinem Buch auf. Ich las eigentlich ständig meist mehrere Bücher parallel und saß dabei im Wohnzimmer, um meinen Eltern das Gefühl zu geben, wir würden Zeit miteinander verbringen und ich nicht nur meinen Sonntagskuchen hinunterschlingen, um so schnell wie möglich wieder zu meinen Büchern zu kommen …

Dieser Shanty jedenfalls brachte mich dazu von meinem Buch aufzusehen und Horst Köppert verkleidet als Käpt’n Brass beim Singen und Schunkeln zuzuschauen. In dieser allen Volksmusikanten eigenen Haltung – breitbeinig, mit Armen ausgebreitet, als wollten sie ihr Publikum ständig umarmen, und dabei von einer Fußspitze zur anderen schaukelnd.

Lange habe ich gegrübelt, warum ich bei diesem Lied nicht weghören konnte. Irgendwann fiel der Groschen. Es war die Sehnsucht, die in diesem Lied mitschwang und die zu erfüllen einem DDR-Bürger selten zuteil wurde. Die Sehnsucht nach der Ferne. Einfach auf ein Schiff steigen und lossegeln war nicht in der kleinsten DDR der Welt mit dem längsten Maschendrahtzaun der Welt drumherum. Für das Segeln auf der Ostsee brauchte der gemeine Rostocker eine Sondergenehmigung, wenn er nicht als Republikflüchtling in Bautzen einsitzen wollte …

Letztes Wochenende war Hanse Sail in Rostock. Das größte Seglertreffen im Ostseeraum. Dicht an dicht lagen die Traditionssegler im Alten Hafen mit ihren stolz in den Gewitterhimmel gereckten Masten und Menschtrauben davor, die sich einmal den Traum erfüllen wollten unter vollen Segeln in die Welt hinauszufahren. Wenn’s auch nur für ein paar Stunden ist. Wäre irgendwo Horst Köppert noch einmal auf eine Bühne gestiegen und hätte gesungen „Sie hieß Mary Ann und war sein Schiff, er hielt ihr die Treue, was keiner begriff. Es gab so viele Schiffe, so schön und groß. Doch die Mary Ann, die ließ ihn nicht los …“ wäre ich stehengeblieben und hätte die Arme ausgebreitet und mit ihm geschunkelt …

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