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Berliner Stimmen | Ist der Wrangelkiez noch zu retten?

Im Wrangelkiez war Arbeit einst Kunst

… und Kunst war Arbeit.

Wrangelstraße, Laxy Cash & Caarry

by Corinna Micori

Laxy Cash & Caarry mag heute so wirken, als wäre dieser Shop für Asia und Afro Lebensmittel schon immer hier gewesen, aber ich kenne noch die Zeiten, als dieser Laden leer stand.

Etwas mehr als zehn Jahre ist es her, dass wir durch den Wrangelkiez streiften auf der Suche nach einem billigen Laden, den wir zu unserem Hauptquartier machen konnten. Ecke Falckensteinstraße, gegenüber vom Kaiser gab es noch eine Eckkneipe, die Bull Bar war bei Yelp noch nicht als Schwulenbar und Lesbenbar gelistet und bei Aldemir konnte man noch einfach nur ein Eis holen gehen ohne gleich ’ne Stunde weg zu sein.

Und da lag sie vor uns. Die neue Heimat für candycode, später roughcode und noch später micori. Unsere Spielwiese, unser Schaufenster zur Welt. Gleich gegenüber von Inci und Bizim Bakkal. Wenn ich mich morgens vor unser Büro setzte und dem Treiben auf der Wrangelstraße zuschaute, dann trank ich dabei einen türkischen Tee von Inci. Ich bekam ihn in der Bäckerei immer im Glas, denn ich war ein Nachbar. Irgendwann schaute Inci bei uns rein, um all die Teegläser wieder einzusammeln. Bei der Familie Çalışkan kauften wir mittags mit Reis gefüllte Weinblätter oder türkische Pasten. Zum Wochenende steckte mir Herr Çalışkan immer ein Extra in den Cellophanbeutel. Mal Tomaten, mal Äpfel. Ich war eben ein Stammkunde und ein Nachbar.

Dann zog ich zurück nach Neukölln und schaut nur ab und zu noch einmal bei Inci und Famile Çalışkan vorbei. Ein Extra war nicht mehr drin und auch den Tee to Go bekam ich nun in einem Plastikbecher ausgeschenkt, aber die Herzlichkeit blieb. Die gute Beratung, der Hinweis auf die Angebote, die kleinen Kostproben der Pasten.

Das soll nun zumindest bei Bizim Bakkal vorbei sein. Das Haus wurde an einen Investor verkauft und renoviert. Hier entstehen lukrative Eigentumswohnungen. Ein Gemüseladen wie der der Familie Çalışkan scheint nicht mehr zeitgemäß in einer Gegend, in der sich Touristen über Airbnb für ein Wochenende ein Stück echtes Berlin buchen, aber im Erdgeschoss einen Coffee Shop mit Soja- oder Reismilch erwarten.

Und jetzt könnten wir beginnen alle Berlin Style mäßig auf die Gentrifizierung zu schimpfen, die Altansässige aus den innerstädtischen Quartieren verdrängt und überall einen Chai Latte kaufen will. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass eben all jene, die in den vergangenen Jahren die Mieten in Wrangelkiez in die Höhe getrieben haben, einst zuzogen, weil es hier eben immer noch die Incis und Familien wie die Çalışkans gab, sich nun dagegen wehren, dass der Kiez sein Gesicht vollends verliert.

Leider bin ich nicht mehr vor Ort, aber wäre ich es, dann wäre ich dort …

Bizim Kiez Versammlung, Mittwoch, 17. Juni

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